RNZ vom 18.09.2013

Buchener Schüler fühlten den Kandidaten auf den Zahn

Von Rüdiger Busch

Buchen. “Solche Veranstaltungen sollte es häufiger geben und nicht nur vor Wahlen!” So wie der 18-jährige Fabio Dinaro aus Bürgstadt dachten gestern zahlreiche Schüler der Buchener Zentralgewerbeschule. Die Podiumsdiskussion mit den Direktkandidaten des Wahlkreises Odenwald-Tauber war informativ und unterhaltsam zugleich – auch für die Kandidaten, die aus erster Hand erfuhren, welche Themen den Jugendlichen unter den Nägeln brennen. Souverän moderiert wurde die Diskussionsrunde im Kraus-Saal von den Schülern Jennifer Sorensen und Florian Trabold.

“Laut einer Umfrage in den Klassen hat die Hälfte unserer Schüler noch nicht entschieden, wen sie am Sonntag wählt.” Mit seinen einleitenden Worten zeigte Schulleiter Konrad Trabold auf, wie wichtig eine solche Informationsveranstaltung zur Wahl ist. Dem “Kandidatentest” der Schüler stellten sich Volker Bohn (Linke), Bundestagsabgeordneter Alois Gerig (CDU), Hans-Detlef Ott (Grüne), Ulrike Quoos (FDP), Dr. Dorothee Schlegel (SPD) und Susanna von Dewitz (Piraten).

Die Organisatoren um Lehrerin Dorothee Rittmann-Minninger, die auch für das komplette Projekt “Juniorwahl” (die RNZ berichtete) verantwortlich zeichnet, hatten sich dazu entschieden, neben dem im Bundestag vertretenen Parteien auch die Piraten einzuladen. Der Grund: Die Partei und ihre Kernthemen stoßen bei der Jugend auf großes Interesse.

Dies wurde gleich beim ersten Themenkomplex deutlich: Datenschutz im Internet. Mit plakativen Aussagen wie “Niemand weiß, was die Amis mit unseren Daten machen” (Volker Bohn) oder “Die Amerikaner verdächtigen jeden und alles” (Hans-Detlef Ott”) sammelten einige Kandidaten zunächst Punkte.

Während sich Grüne, Linke, FDP und Piraten klar gegen eine Vorratsdatenspeicherung aussprachen, stellte Dorothee Schlegel klar, dass es ein Abwägen zwischen Sicherheit und Freiheit geben müsse. Nach konkreter Nachfrage eines Schülers sagte Piratin von Dewitz, dass Freiheit wichtiger als Sicherheit sei und belegte ihre These mit dem fragwürdigen Vergleich eines Kindes, dem von den Eltern alles verboten wird. Einzig Alois Gerig sprach konkret die Gefahren durch organisierte Kriminalität und Terrorismus an, die ja Hintergrund von Datenüberwachung und -ausspähung sind. Ein Missbrauch dieser technischen Möglichkeiten müsse jedoch mit allen Mitteln verhindert werden.

Im zweiten Fragenblock zu den Themen Arbeit und Finanzen ging es zunächst um den Mindestlohn. Dessen Einführung würde nicht zu einer Abwanderung von Arbeitsplätzen ins Ausland führen, sondern zu mehr Gerechtigkeit, meinte Hans-Detlef Ott. Noch einen Schritt weiter ging Susanna von Dewitz: Für sie ist der Mindestlohn nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Einführung des von den Piraten geforderten bedingungslosen Grundeinkommens. Vor dem Mindestlohn warnten dagegen Ulrike Quoos und Alois Gerig. Der CDU-Mann verwies auf die guten Zahlen des Arbeitsmarktes und auf die erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung: “Es ist Vieles richtig gelaufen in den vergangenen vier Jahren.”

Im nächsten Komplex – Familien und Soziales – herrschte zunächst Einigkeit: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wollen natürlich alle Parteien verbessern. Anders beim Thema Frauenquote: Während Grüne und Linke sich klar dafür aussprechen, gab es bei den anderen Vorbehalte bis hin zu klarer Ablehnung. Für Susanna von Dewitz wäre eine Frauenquote sogar eine Form von Diskriminierung.

Dass politisch korrekte, weichgespülte Antworten für die jungen Wähler – und wohl auch für viele ältere – nicht befriedigend ausfallen, wurde bei den Fragen zu Homo-Ehe und Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare deutlich. Die Bedenken der Schüler wollten oder konnten die meisten Kandidaten nicht teilen. Die Lebensrealität der jungen Menschen deckt sich halt nicht unbedingt mit den Wahlprogrammen.

Weitere Themen waren die Rente, und Europa, ehe die Kandidaten in einer Blitzrunde für ihre Wahl werben durften. Ob es gefruchtet hat? Das wissen die Politiker erst am Sonntag. Aber eines hat die Podiumsdiskussion auf jeden Fall gebracht, wie eine kurze Umfrage der RNZ bestätigte: Die rund 200 Schüler dürfen sich jetzt gut vorbereitet auf die Wahl fühlen, sie haben sich selbst ein Bild von den Kandidaten machen können, und der Anteil der Nichtwähler unter ihnen dürfte sicher unter dem Durchschnitt liegen. Das ist die wichtigste Botschaft.
Quelle: http://www.rnz.de/buchen/00_20130918060004_107040754_Buchener_Schueler_fuehlten_den_Kandidaten_auf_.html#ad-image-5

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